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Es war einmal vor langer Zeit ein kleines Mädchen, das lebte zusammen mit seinen Eltern gleich rechts über alle Berge im wunderschönen Hinterwald, einem idyllischen Fleckchen Erde, wo man vor lauter Bäumen den Wald gar nicht mehr sehen konnte. Sie hatten es gut, die Hinterwälder, mussten nie am Hungertuch nagen. Kraut und Rüben gediehen dort im Übermaß Pfeffer wuchs auf dem fruchtbaren Boden, und auf den grünen Weiden hörte man nicht selten das Gras wachsen. Auch hielten sie etliche Tiere. So gab es da Steckenpferde, Streithammel, Sündenböcke und graue Katzen, die aber vorsichtshalber nur nachts aus dem Sack gelassen wurden. Während die Mutter sich um das Anwesen kümmerte, Mäuse molk, im Trüben fische und mitunter auch Süßholz raspelte, ging der Vater seinem Beruf als Vogelkundler nach und trug Eulen nach Athen. So führten sie ein glückliches und erfülltes Leben

Jedermann hatte das Mädchen zum Fressen gern, am allermeisten aber seine Großmutter, die es tatsächliche einmal am Schopf gepackt und angeknabbert hatte. Als Wiedergutmachung schenkte sie dem Kind ein rotes Käppchen aus feinstem Seemannsgarn, damit es niemand mehr an den Haaren herbeiziehen konnte. Und weil das Mädchen sein Käppchen fortan Tag und Nach zu tragen pflegte, nannte man es einfach nur noch das Rotkäppchen.

Eines schönen Tages, Rotkäppchen ließ gerade seine Puppen tanzen, sprach die Mutter zu ihm: „Rotkäppchen, du musst deine Großmutter in Pappenheim besuchen. Ihr hat es die Petersilie verhagelt, und seither kann sie nichts mehr in die Pfanne hauen. Sie wird sicher bald ganz grün hinter den Ohren sein, wenn sie nicht bald ins Gras beißen kann! Ich kann ihr diesen Löffel hier abgeben, damit sie meine eingebrockte Suppe auslöffeln kann. Bring ihr auch gleich dieses Fettnäpfchen mit, damit sie schnell wieder zu Kräften kommt! Aber beeile dich, Mädchen. Der Holzweg nach Pappenheim ist lang und voller Gefahren und führt dich durch dichtesten Paragraphendschungel. Gib den wilden Affen dort ja keinen Zucker und lass dich nicht von ihnen beißen! Auch soll dort ein böser Wolf sein Unwesen treiben!“ Rotkäppchen versprach Acht auf sich zu geben und drückte seiner Mutter einen dicken Kuss auf die Wange, während diese ihm den Korb mit den Leckereien in die vorgehaltene Hand und etwas Fersengeld gab. Das Mädchen machte sich sogleich auf die Socken, zäumte seinen Amtsschimmel von hinten auf und ritt mit wehendem Fähnlein, das es vorher nach dem Wind gedreht hatte, davon. Seine Mutter winkte ihm noch lange mit dem Federhandschuh hinterher, ehe sie diesen wieder an den Notnagel hängte und sich voller Sorge um ihr Kind in den Sand setzte...

Nach etlichen Meilen über Stock und Stein überquerte das Rotkäppchen eine Brücke und gedachte eine kleine Rast am anderen Ufer zu machen, wo es einen Schwanz mit dem Hunde wedeln sah. Da ihr dieses Phänomen sehr spanisch vorkam, stieg es ab und warf eine Wurst (natürlich Chorizo) mit der Speckseite nach dem Tier. Vergnügt beobachtete das Mädchen, wie es diese mit Heißhunger verschlang. Vorsichtig näherte sich das Rotkäppchen dem wilden Tier, welches sich sogar streicheln ließ Mit dem neugewonnenen Freund an seiner Seite, genehmigte sich das Mädchen selber etwas Wurst, es gab Mutters Senf dazu, Windeier, Brot und Wasser. Gestärkt ließ sich Rotkäppchen ins hohe Gras fallen, starrte Löcher in das sonst schon baufällige Luftschloss und schlief nach ausgiebigem Schafezählen bei Nummer 0815 ein. Nach geschlagenen drei Stunden, genauer gesagt um fünf vor zwölf, erwachte das Mädchen aus seinem Schlummer und schaute sich erschrocken um. Ganz verdattert lag Rotkäppchen da und schalt sich eine Närrin, so lange auf der faulen Haut gelegen zu haben. Praktischerweise hatte es Mutters Denkzettel mit dabei, der ihm wieder auf die Sprünge half! Doch das Glück war ihm nicht lange hold, denn das Pferd war unterdessen mit dem wedelnden Schwanz durchgebrannt und ließ sich leider nicht mehr löschen. So kam es, dass kurze Zeit später sich jemand des Rotkäppchens erbarmte und es kurzerhand mit auf seiner Schippe bis zum nahen Paragraphendschungel mitnahm.

Mitten im tiefsten Dschungel lief dem Rotkäppchen ein Wolf über den Weg. Jener hatte einen Bärenhunger und hatte folglich gleich ein Auge auf das unbedarfte Mädchen geworfen. Rotkäppchen hob das Wolfsauge auf und frage: „Entschuldigung, gehört dieses Auge dir?“ - „Oh ja, danke dir mein liebes Kind! Sag an, was suchst du eigentlich so ganz alleine im Wald? Kann ich dir vielleicht helfen?“ - „Oh, meiner Großmutter in Pappenheim hat es die Petersilie verhagelt, und ich muss ihr diese Leckereien hier bringen. Der Alten geht es nicht sehr gut und leidet großen Hunger. Könntest du mich vielleicht zur Strecke bringen?“ frage das Rotkäppchen. „Sicher. Du musst einfach der Nase nach gehen. Leider kann ich dich aber nicht an selbiger herumführen. Aber sag, willst du ihr denn nicht ein paar Blumen mitbringen. Siehst du dort? Da wachsen wunderschöne Mauerblümchen. Und was ist mit Äpfeln? Die fallen hier nicht weit vom Stamm. Du brauchst sie nur aufzuheben! Ich geh jetzt einen alten Besen fressen. Gehab dich wohl mein Kind.“
Das Rotkäppchen begann sogleich mit dem Blumenpflücken und Äpfelsammeln, wie ihm geheißen worden war. „Verflucht und zugenäht! Jetzt hab ich doch glatt in einen sauren Apfel gebissen! Meine Güte, so spät schon? Ich sollte jetzt wohl übern Jordan gehen und zur Großmutter!“ Der späten Stunde bewusst und mit einem Blick auf ihren Denkzettel setzte das Mädchen ihren Weg Richtung Pappenheim fort, das nur noch einen Katzensprung entfernt lag.

Der hinterlistige Wolf indes war längst bei der Großmutter angelangt, fiel mit der Türe in deren Haus, begann der armen Frau die Haare vom Kopf zu fressen und verschlang sie schließlich in einem Stück. Ignorierend, dass sie ihm auf den Magen schlug, legte sich der vollgefressene Halunke verkleidet ins Bett und wartete auf das Rotkäppchen bis ihm vor lauter Müdigkeit die Augen zufielen. Und so stecke er denn bald unter einer Decke und schlief den Schlaf der Gerechten.

Als es der Tage aller Abend wurde erreichte auch Rotkäppchen ihr Ziel und staunte nicht schlecht, da die Türe aus den Angeln gehoben war. Auch besah sie sich den Dachschaden und richtete das Wort an die vermeintliche Großmutter: „Darf ich eintreten? Ich bin es, Großmutter, und bringe dir eine kleine Stärkung, damit du schnell wieder zu Kräften kommst!“ - „Ah! Tritt nur ein, mein liebes Mädchen und komm näher.“ Rotkäppchen tat, wie ihm geheißen. „Oh Großmutter, sag, wieso hast du denn so große Ohren?“ Da entgegnete der gewiefte Wolf: „Damit ich die Spatzen besser vom Dach pfeifen hören kann.“ - „Und wieso hast du so große Augen?“ - „Damit ich mit meiner Kanone besser auf die Spatzen schießen kann. Die sind wirklich eine Plage!“ Erstaunt über die Antworten stellte das Rotkäppchen seine letzte Frage: „Und, Großmutter, wieso hast du bloß so große Hände? Übrigens, mein Vater könnte dir bei deinem Spatzenproblem helfen. Der ist Vogelkundler!“ - „Oh, das wäre wirklich wunderbar. Nun, zu meinen Händen. Die sind so groß, damit ich mir diese besser in Unschuld waschen kann!“ sprach der Wolf, sprang aus dem Bett und verschlang das arme Rotkäppchen ohne mit der Wimper zu zucken.

Nachdem der Wolf die letzten Haare auf den Zähnen beseitigt, und eine Hand die andere gewaschen hatte, legte sich dieser wieder ins Bett und fing bald so laut an zu schnarchen, dass sich die verbliebenen Dachbalken bogen. Eben jenes Schnarchen vernahm auch ein Jäger, der gerade seinen erlegten Hasen im Pfeffer begrub. Sogleich warf der gute Mann seine Flinte ins Korn, blies ins Bockshorn und erklomm seine Jägerleiter um durchs Fenster zu spähen. Was er da sah, gefiel im ganz und gar nicht. Ein Wolf in Großmutters Bett! Ganz leise schüttelte er einen Betäubungspfeil aus dem Ärmel und zielte mit seinem Blasrohr auf den Graupelz. Getroffen! Beherzt begab er sich ins Zimmer und schnitt dem Wolf den Bauch auf. Wie war er überrascht, als da das Rotkäppchen aus dem feisten Ranzen sprang! „Hilf mir! Der böse Wolf hat auch meine Großmutter gefressen. Die steckt noch da drinnen. Lass sie uns schnell da raus holen.“ An einem gemeinsamen Strick ziehend beförderten sie die alte Frau ans Tageslicht, die erleichtert nach Luft schnappte.
Da der Wolf noch betäubt war, sammelte das Rotkäppchen rasch die Steine auf, die Großmutter vom Herzen gefallen waren und tat diese in den offenen Bauch. Schmetterlinge wären für diesen Zweck einfach zu leicht gewesen. Der Jäger suchte unterdessen eine Nadel im Heuhaufen, nähte die Wunde mit Geduldsfaden zu und winkte die zwei Frauen mit einem Zaunpfahl aus der Gefahrenzone. Der Wolf erwachte voller Schrecken, erhob sich aus dem Bett und wollte fliehen. Weil ihm die Steine aber so schwer im Magen lagen, riss ihm der Geduldsfaden und fiel tot zu Boden.

Nun waren alle drei glücklich. Der Jäger schulterte den Wolf und machte sich auf direktem Weg zu Goldlöckchen, bei der er sich gleich noch drei Bären aufbinden lassen konnte. Großmutter aß von den Leckereien und gesundete rasch wieder. Rotkäppchen aber machte sich auf den Nachhauseweg.
Tags drauf brachte man die Geschehnisse in der örtlichen Zeitung auf den Punkt. Das Mädchen ging als Die mit dem Wolf heult in die Geschichtsbücher ein. Tja, und wenn sie nicht gestorben sind, plaudern sie heute noch aus dem Nähkästchen.

Ende